Kriminalpsychiater Kröber: “Mörder sind für mich das Nonplusultra” – ਬਰ੍ਲਿਨ

Hans-Ludwig Kröber, 68, ist der bekannteste deutsche Kriminalpsychiater.

Herr Kröber, Sie sind seit mehr als 30 Jahren im Geschäft und vermutlich Deutschlands bekanntester Kriminalpsychiater. Wenn ein Mörder freigelassen wird, fragen alle: Wird er es wieder tun? Wie oft kommt es vor, dass ein lebenslang Verurteilter ein zweites Mal tötet?

Wir wissen es nicht. Es gibt keine staatliche Rückfallstatistik. Durch die deutsche Expertenszene geistert eine Zahl von drei Prozent, die aber nicht belegt ist. Manchmal findet man auch die aparte Angabe von null bis drei Prozent. In den 80er Jahren gab es in Berlin eine gewisse Häufung von Fällen. Die Gerichte waren damals oft sehr wohlwollend und unterschätzten die Gefährlichkeit mancher Täter. Die habe ich dann später zur Entlassbarkeit begutachtet und hatte das Gefühl: Drei Prozent? Die kenne ich allein ja schon alle.

Sie dachten, die Zahl muss höher sein?

Ja, deutlich höher. Also fing ich an zu sammeln und jedes Jahr kamen vier, fünf Fälle dazu. Jetzt ist daraus ein Buch über 45 solche Fälle geworden. In der Zwischenzeit haben Sie außerdem alle Straftäter erfasst, The 2014 in der JVA Tegel saßen, weil sie zu lebenslang verurteilt wurden. Das war vor allem die Arbeit einer Doktorandin, Anna Trofimova, die gerade angenommen wurde. Wir wissen nämlich auch über die Strafgefangenen mit lebenslanger Freiheitsstrafe nur wenig Konkretes.

Wer sitzt in Tegel lebenslang?

In unserer Totalerfassung haben wir exakt 100 Männer und fünf Frauen.

Ist dieses Verhältnis typisch?

Frauen kommen derzeit bundesweit bei den Verurteilungen wegen Mordes auf etwa zehn Prozent. Es gibt auch Serienmörderinnen wie die Charité-Krankenschwester, die fünf vollendete Patiententötungen begangen hatte und drei versuchte. In Berlin war die Älteste 70 Jahre alt und hatte ihre Tat mit 51 Jahren begangen. Die Jüngste war 46 und hatte ihre Tat mit 36 begangen. Da es seit achteinhalb Jahren keine Verurteilung einer Frau wegen Mordes in Berlin mehr gegeben hatte, habe ich die damals noch nicht rechtskräftig verurteilte Mutter eines Pferdewirtes mit in die Betrachtung einbezogen.

Warum töten Frauen?

Man kann nichts Ruhmreiches über sie sagen. In keinem Berliner Fall wurde ein böser gewalttätiger Partner getötet, sondern es erwischte zum Beispiel den im gleichen Hause wohnenden unliebsamen Vermieter oder die von der Täterin gepflegte und bestohlene alte Dame. Fast immer ging es um finanzielle Motive, die Opfer waren durchgängig ältere oder schwächere Menschen. Bei der Krankenschwester scheint das Töten selbst etwas Befriedigendes gewesen zu sein, Grandiosität, Macht über andere exekutieren. Und im Fall der Pferdewirtin ging es der Mutter darum, dem eigenen Sohn eine goldene Zukunft mit einem großen Reiterhof zu ermöglichen.

Töten Frauen anders als Männer?

Frauen wählen bevorzugt Arten, die nach natürlichem Ableben aussehen. Als alter Mensch stirbt man schon mal, und wenn man nachhelfen will, ist Ersticken ein probates Mittel. Wenn dann der Doktor kommt und einen Totenschein ausstellt, kann das ja auch gut gehen. Davon, was Ärzte manchmal als natürlichen Tod bescheinigen, können die Rechtsmediziner Arien singen. In einem Fall steckte sogar noch das Messer im Rücken, weil der Doktor die Leiche nicht mal umgedreht hatte. Manche Kriminologen befürchten, dass gerade bei alten und kranken Opfern die unerkannten Mordfälle einen ganz erheblichen Anteil haben.

Und was für Männer sitzen in Tegel?

Das Alter der Insassen reichte von 28 ਨੂੰ 75 ਸਾਲ. 70 Prozent der Täter waren Deutsche, elf Prozent Türken, sieben Prozent Vietnamesen, die restlichen Täter kamen je einer aus Libanon, Nicaragua, Polen, Rumänien, Ukraine, Afghanistan, Albanien und Bulgarien. Insgesamt haben wir unter 100 Lebenslänglichen zehn Verurteilte, die bereits früher ein Tötungsdelikt begangen haben. Zehn Prozent – das ist eine stattliche Rückfallquote! Aber man muss diese zehn auf alle Tötungsdelikte beziehen, auch Totschlag und Versuche, und dann sind wir wahrscheinlich wieder bei drei Prozent.

Warum töten Männer?

Es gibt Tötungsdelikte aus überwiegend rationalen Motiven: um Beute zu machen, materiell oder sexuell. Und es gibt Tötungsmotive aus überwiegend emotionalen Motiven: aus Angst, Notwehr, Wut, Gereiztheit, Niedertracht, RacheBei den Berliner Verurteilten dominierten bei den Männern sehr deutlich Motive, die mit Geld und Macht zu tun haben. Also klassisch kriminelle Motive bis hin zum Bandenkrieg wie zum Beispiel die Morde der Vietnamesen, wo eine Gruppe von Zigarettenhändlern eine andere praktisch ausgelöscht hat.

Es geht den Männern also eher um Berufliches als Privates?

Wenn man sein Geld mit Drogen, Prostitution oder Waffen verdient, wenn man bereits mit 24 im Lamborghini durch die Gegend fahren will, muss man dafür sorgen, dass niemand einem den Reichtum wegnimmt. In den 90ern agierten in Berlin serbische Diebesbanden, die aus einem dafür berüchtigten Belgrader Stadtteil stammten. Die hatten vor nix Angst, außer dem Verrat an die Polizei. Ein junger, gut aussehender und intelligenter Serbe erschoss damals einen vermeintlichen Verräter – vor den Augen zweier Frauen und eines Bandenmitglieds. Es war eine geschäftsmäßige Hinrichtung mit zwei Schüssen. Im Prozess waren die Zeugen verschwunden oder konnten sich an nichts erinnern. Der Mann wurde freigesprochen und kehrte nach Belgrad zurück, wo er vermutlich gefeiert wurde.

Profitgier kommt doch auch in den besten Familien vor.

Ja, zum Beispiel spritzte ein ehrgeiziger Oberarzt aus Süddeutschland einmal Schmutzwasser aus Putzeimern in Infusionen, mit denen sein Konkurrent erfolgreich schwer kranke Patienten behandelte. Er tötete Patienten, um dessen Studie zu ruinieren. In der U-Haft hat er sich das Leben genommen.

Gab es noch andere Überraschungen?

Das Männerkollektiv stellt sich insgesamt deutlich krimineller dar, als ich erwartet hatte. Die Konstellation des nicht vorbestraften, unbescholtenen Bürgers, der lebensgeschichtlich in Nöte geraten ist und sich schließlich zu der fatalen Entscheidung versteigt, einen Menschen zu töten, aus romantischen Motiven oder aus einer finanziellen Notlage heraus, kommt kaum vor.

Haben Sie in Ihrem Alltag als Gutachter andere Erfahrungen gemacht?

ਕੋਈ, dass es sich bei Mord und Totschlag hauptsächlich um Beziehungstaten handelt, ist ein Mythos.

Teilen Sie die These, dass jeder Mensch zum Mörder werden kann?

Wer sich entscheidet, einen Konflikt mit Gewalt zu lösen und alles zu verlieren, stammt meist nicht aus stabilen Verhältnissen. Ein amerikanischer Sozialforscher hat herausgefunden, dass die Mehrheit der Erwachsenen rund um den Globus schon ernsthafte Mordfantasien hatte, Frauen wie Männer. Bei Frauen richteten sie sich vorrangig gegen eine Rivalin in Liebesdingen, bei den Männern häufiger gegen Rivalen im Arbeitsbereich. Der Abstand zwischen Todeswünschen und Töten ist zum Glück im geordneten Sozialwesen riesig. Man hätte, zumindest bei uns in Deutschland, zu viel zu verlieren.

Ist das der einzige Grund?

Seit frühester Kindheit sind wir zumindest im Privaten überzeugt: Du sollst nicht töten. Schon Tiere zu töten, ein Kätzchen zu ertränken, ist etwas Schlimmes. Das absichtliche Töten eines Menschen ist ein Sakrileg, eine Todsünde. Wir haben sehr hohe Hemmungen. Entsprechend ist es sehr selten. Wer mit eigenen Händen tötet, weiß, dass er eine letzte unverrückbare Grenze überschreitet. Er begeht sozialen Selbstmord.

Gibt es Mörder, die erst während des Gutachtens bei Ihnen ein Geständnis ablegen?

Das passiert manchmal, dass die Menschen reden wollen, weil sie sich im Gespräch ernst genommen fühlen und die Tat sie belastet.

Was sind das für Situationen?

Es ist für beide dramatisch, weil der Beschuldigte versucht, sich der Wahrheit zu stellen. Er steht zum ersten Mal zu dem, was er getan hat. Für den Psychiater ist das auch ein anrührender Moment, weil er merkt, was einer kann. Dass er bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen. Das Geständnis ist ein erster Hinweis darauf, dass jemand bestimmte Qualitäten hat. Im Strafverfahren mache ich, bevor der Mann anfängt zu reden, erst mal darauf aufmerksam, dass ich keine Schweigepflicht habe.

ਇਹ ਖਬਰ ਸਾਡੇ ਸਾਥੀ ਨੂੰ ਨੈੱਟਵਰਕ ਤੱਕ ਮਿਲਦੀ ਹੈ: HTTPS://www.tagesspiegel.de/berlin/kriminalpsychiater-kroeber-moerder-sind-fuer-mich-das-nonplusultra/23963468.html

ਪਹਿਲੀ ਟਿੱਪਣੀ ਕਰਨ ਲਈ ਰਹੋ

ਕੋਈ ਜਵਾਬ ਛੱਡਣਾ

ਤੁਹਾਡਾ ਈਮੇਲ ਪਤਾ ਪ੍ਰਕਾਸ਼ਿਤ ਨਹੀ ਕੀਤਾ ਜਾ ਜਾਵੇਗਾ.


*