Sexuelle Belästigung und struktureller Sexismus: Direktor der Berliner Stasi-Gedenkstätte muss sich erklären – Berlin

Am Dienstag wird es ernst für die Führung der Stiftung der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Nicht nur wegen schwerer Vorwürfe, wonach der Vize-Direktor der Gedenkstätte, Helmuth Frauendorfer, Mitarbeiterinnen über Jahre sexuell belästigt haben soll.

Es geht auch um Hubertus Knabe, den Direktor. Der Stiftungsrat will die Vorwürfe prüfen – der öffentliche Druck ist groß. In der vergangenen Woche ist ein Brief von sieben, teils früheren Mitarbeiterinnen publik geworden – wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, Freiwillige im Sozialen Jahr und Praktikantinnen. Gerichtet war der Brief an Berlins Kultursenator Klaus Lederer und an Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), aber auch an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Es wird nun nicht nur um die in dem Brief vom 8. Juni erhobenen Vorwürfe gehen, sondern auch darum, wie Knabe gehandelt hat – oder nicht. Und wie die Gedenkstätte geführt wird.

Frauendorfer soll über Jahre hinweg jungen Frauen zu nahe getreten sein, indem er ihnen Kurznachrichten geschrieben, sogar die Begleitung zu Abendveranstaltungen angeordnet und Einladungen zu privaten Treffen ausgesprochen haben soll. Auch soll sich Frauendorfer körperlich angenähert, fast „intime körperliche Nähe“ gesucht und über seine sexuellen Vorlieben wie Besuche im Bordell oder im Swinger-Club und bevorzugte Sex-Praktiken berichtet haben. Ebenso, dass er eine nicht-monogame Beziehung führe.

Trifft das zu? ja: Was wusste Knabe davon? Am Donnerstag hieß es in einer Erklärung, er habe erst am Montag durch eine Anfrage des rbb von den konkreten Vorwürfen erfahren. Kultursenator Lederer informierte ihn aber bereits Anfang August über die Beschwerde. Nach einer ersten Beschwerde im Jahr 2016 will Knabe den Vize-Direktor zurechtgewiesen haben. Auch damals war die Senatskulturverwaltung involviert. Frauendorfers Anwalt erklärte, sein Mandat gebe Fehlverhalten und Mangel an Sensibilität zu, habe dies aber seit dem Gespräche mit Knabe abgestellt.

Ein „Frauenbild der 50er Jahre“

Die Senatskulturverwaltung informierte Knabe im Januar 2018 über neue Belästigungsvorwürfe, der schaltete sogar die Staatsanwaltschaft ein. Doch die legte im Sommer alles ad acta, die Senatskulturverwaltung habe erklärt, dass der Vorwurf der sexuellen Belästigung nicht im Sinne des Strafrechts zu verstehen sei.

Falls dies zutrifft, bleibt die Frage des Führungsstils: Die sieben Frauen berichten in ihrem Brief von ihren Erfahrungen mit den Vorgesetzten und haben dabei „eine Regelhaftigkeit übergriffiger Verhaltensmuster“ festgestellt. Vorgesetzte sollen Informationen aus persönlichen Gesprächen genutzt und damit die Frauen im Dienst diskreditiert haben. Ein „Frauenbild der 50er Jahre“ habe vorgeherrscht. Abteilungsleiter sollen sich die Führungsetage und ihren „strukturellen Sexismus“ zum Vorbild genommen haben, ebenfalls körperliche Nähe zu suchen und anzügliche Komplimente zu machen.

Letzteres und Berührungen werden auch Knabe selbst vorgeworfen. Er selbst weist das zurück und sagt: „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist ein absolutes No-Go.“ Die Stiftung sei einem modernen Rollenbild verpflichtet. Aber wenn eine Mitarbeiterin weine, nehme er sie „auch einmal in den Arm“ und tröste sie.

Zu anderen Vorwürfen, die die Abläufe in der Gedenkstätte betreffen, hat er nichts gesagt. In dem Brief der Frauen wird eine „gering strukturierte Arbeitsorganisation“ beklagt – „bei eingeforderter maximaler Verfügbarkeit und Arbeitsbelastung mit starkem psychischem Druck durch Zeitverträge“. Zu diesem Klima gehört wohl auch, dass sich die Frauen nicht getraut haben, direkt bei Knabe vorzusprechen – oder beim Personalrat. Bekannt war auch, dass sich Knabe und sein Vize duzen, wie viele Mitarbeiter und ihre Vorgesetzten auch. Beschwerden über ein „ungünstiges Betriebsklima“ waren auch schon im Stiftungsbeirat 2014 ein Thema, pää 2017 noch einmal, wie der „Spiegel“ berichtet.

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