Pfaffenhofen: Wenn Freizeit zu Luxus wird – Ehefrau pflegt ihren Mann rund um die Uhr

Aus Pflichtgefühl pflegt eine Landkreisbewohnerin ihren Ehemann. Sie würde gern ab und an ein paar Stunden das Haus verlassen. Das ist jedoch oft unmöglich, sagt sie.

dpa/Archiv

Pfaffenhofen

Die Ehefrau will ihren Namen nicht in der Zeitung sehen, weil ihr Mann im Landkreis bekannt ist und sie nicht möchte, dass die Menschen kommen und Mitleid haben, sagt sie. Denn sie würden ihren ehemaligen Freund wohl auch nicht wiedererkennen. Müllers Ehemann ist dement, seine Lunge funktioniert nur noch eingeschränkt, dazu kommen Inkontinenz sowie die Folgen von fünf Krampfanfällen. Müller kann sich noch lebhaft an einen Moment erinnern: Ihr Mann fällt plötzlich vom Stuhl, sein Körper krampft sich zusammen, er zuckt und zittert, minutenlang. „Danach hat er mich zwei Tage lang nicht gekannt.“

Mittlerweile ist er völlig orientierungslos, berichtet sie. Er stehe beispielsweise immer wieder auf und gehe zur Tür, weil er nicht mehr wisse, was er vor einigen Sekunden noch gedacht oder getan habe. „Ich kann ihn nicht mehr allein lassen.“

Für sie bedeutet das, ihre eigenen Bedürfnisse immer hinten anzustellen. „Ich habe kein Silvester, keine Feiertage“. Ihre Freunde sehe sie so gut wie nie. Mal kurz einen Kaffee trinken gehen? „Das ist ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann.“ So gerne wäre sie zu Weihnachten mit ihren Kindern auswärts essen gegangen, sagt sie. „Aber an den Feiertagen arbeitet niemand bei den Einrichtungen, und mein Geld war ja aufgebraucht.“ Also sei sie daheim geblieben, bei ihrem Mann. Warum sie sich das antue? „Ich bring es nicht fertig, ihn einfach in ein Pflegeheim zu geben.“

Wenn Müller jemanden braucht, um Einkäufe zu erledigen, hat sie prinzipiell drei Möglichkeiten. Zum einen die Kurzzeitpflege, aber in ein Heim gibt sie ihren Mann nicht mehr, sagt sie. „Zu schlechte Erfahrungen.“ Dann gibt es noch die Betreuungsleistung, auch Entlastungsbetrag genannt. Das sind 125 Euro im Monat, was laut Müller fast für drei Stunden im Monat ausreicht – den Rest zahlt sie selbst. Leider kann Müller jedoch manchmal nicht einmal diese Leistung in Anspruch nehmen, weil sie hier nur Geld an Personen auszahlen darf, die qualifiziert sind, also beispielsweise einen Pflegekurs gemacht haben oder bereits Betreuungspersonen sind, etwa bei der Caritas oder beim BRK. „Und wenn ich bei den Einrichtungen anrufe, dann sagen sie, es gibt nicht genug Leute, sie können mir niemanden mehr geben.“ Deshalb kommt sie nur alle zwei Monate in den Genuss dieser Leistung, so Müller. Eine Betreuerin aus dem Landkreis bestätigt das gegenüber unserer Zeitung. „Das ist bei allen Einrichtungen so, da fehlt das Personal.“

Auch Thomas Dlugosch, Leiter der Fachstelle pflegende Angehörige bei der Caritas Pfaffenhofen, sagt: „Besonders bei haushaltsnahen Hilfen ist es im Landkreis sehr schwer, jemanden zu finden.“ Aber auch Angehörige, die einen Demenzbegleiter engagieren wollten, könnten unter Umständen und je nach Wohnort erst einmal auf der Warteliste landen.

Das Ironische beim Fall Müller: Ihre privaten Bekannten hätten eigentlich Zeit, mehr zu betreuen, doch sie darf das übrig gebliebene Geld von dem einen nicht für den anderen Topf verwenden. „Und leider kann ich es mir privat nicht leisten“, so Müller. Sie lebe aktuell von 1500 Euro, „davon geht das Meiste für die Miete drauf“. Da hat sie freilich wenig Verständnis dafür, dass bereits mehr als 2000 Euro aus dem Entlastungsbetrag verfallen sind. „Wieso darf man die Leistungen nicht für das verwenden, wofür man sie wirklich braucht?“, fragt sie. „Habe ich keinen Anspruch auf ein paar Stunden für mich?“

Einzig die Verhinderungspflege dürfe sie dafür nutzen, ihre Bekannten zu bezahlen. Das Geld dieser Leistung reiche für drei bis vier Termine im Monat, „ein paar Stunden, wenn ich zum Beispiel zum Supermarkt muss“. Im November vergangenes Jahr ging ihr das Geld aus. „Ich habe aber auch im Dezember noch Zeit zum Einkaufen gebraucht“, so Müller. Das musste sie also aus eigener Tasche berappen.

Klar, ihre Bekannten könnten jetzt alle einen Pflegekurs absolvieren. „Sie wären sogar dazu bereit gewesen“, so Müller. „Aber es gab nur einen Termin im Jahr, und da hatten sie keine Zeit.“ Da sei die Hemmschwelle extrem hoch, bestätigt auch die Betreuerin. Sie hat den Pflegekurs selbst belegt, über sechs Wochen, „in meiner Freizeit, am Nachmittag“. Viele ihrer Kollegen hatten in der Zeit natürlich lieber Geld verdient. Zumal ein Pflegekurs ja für die Betreuung ihres Mannes nicht nötig sei, betont Müller. Ihr Mann schlafe während der Betreuung meist. „Es geht nur darum, dass jemand da ist.“

Doch das Gesetz schreibt es anders vor. Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums drückt es auf Anfrage so aus: „Eine Verwendung des Entlastungsbetrags für Kosten der Verhinderungspflege ist nach aktueller Rechtslage ausgeschlossen.“ Die aktuelle gesetzliche Regelung wolle bewusst verhindern, dass der Entlastungsbetrag für eine Betreuung durch Angehörige, Nachbarn, Freunde oder Verwandte eingesetzt werde. Beim Entlastungsbetrag wolle man bewusst die Qualität der Leistung sichern. Man wünsche sich hier eine infrastrukturfördernde Wirkung.

Die Leistungsbeträge für Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege könnten jedoch untereinander bereits sehr flexibel eingesetzt werden. So könne bis zur Hälfte des Höchstbetrags für die Kurzzeitpflege, sofern ungenutzt, zur Erhöhung des Budgets in der Verhinderungspflege verwendet werden.

Für Müller sind die gesetzlichen Vorgaben dennoch nicht nachvollziehbar. Es gebe eben nunmal in den Einrichtungen im Landkreis nicht genug Personal, so dass sie ihr Budget niemals werde ausschöpfen können. Und damit bekomme sie keine Unterstützung. Obwohl sie selbst dem Staat ja die Pflegeleistung abnehme.

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