Euro am Sonntag-Meinung: Trotz Erfolgs: Risiko mit drei Buchstaben – ETF | Nachricht

von Rainer Laborenz, Gastautor von €uro am Sonntag

Der im Juni markierte DAX-­Rekord von 12 951 Punkten hat nicht nur bei denjenigen Anlegern, die der alljährlichen Sell-in-May-Legende auf den Leim gegangen sind, Verwunderung ausgelöst. Auch viele unserer Kunden signalisieren uns ein gewisses Unbehagen angesichts der erreichten Höchststände. Hand aufs Herz: Irgendwie passt die aktuelle Kurs­euphorie nicht wirklich zu dem, was wir alle fühlen.

Inspiriert durch die Nachrichten sind wir eher verunsichert als optimistisch. An allen Ecken und Enden beobachten wir Überforderung und Kontrollverlust. Die Welt steht Kopf – oder hätten Sie vor einigen Jahren gedacht, dass der Terrorismus derart zunimmt, dass wir einmal Minuszinsen haben würden?

Jüngst schrieb „Handelsblatt“-­Her-ausgeber Gabor Stein­gart: „Erst verloren die Banken die Kontrolle über ihre Bilanzen, dann die Politiker die Kon­trolle über unsere Außengrenzen. Der US-Präsident hat schon mit der Selbstkontrolle größte Schwierigkeiten“ – und die Reihe seiner fragwürdigen Amtskollegen ist mit Kim Jong Un, Erdogan und Putin sicherlich nicht vollständig.

Viele ETFs als Mogelpackung,
weil sie auf Derivaten basieren


Anleger lieben Berechenbarkeit, aber genau das hat die Welt 2017 nicht im Angebot. Ausgerechnet in diesem Umfeld hat keine Anlageform in den vergangenen Jahren so rasant an Bedeutung gewonnen wie ETFs. Mehr als 3000 Milliarden Euro sind weltweit in Indexfonds investiert, und bis zum Jahr 2020 wird sich nach Schätzungen des weltgrößten ETF-Anbieters BlackRock diese Zahl verdoppeln. Exchange Traded Funds (englisch: börsengehandelte Fonds) sind Investmentfonds, die in der Regel nicht über die emittierende Investmentgesellschaft, sondern an einer Börse gehandelt werden. Die meisten ETFs sind passiv verwaltete Indexfonds, beteiligen den Anleger also exakt an der Entwicklung des zugrunde liegenden Index.

Wenn immer mehr Anleger sich in ­einem globalen Umfeld von Kontrollverlust und Unvorhersehbarkeit ausgerechnet für ETFs entscheiden, kann das meiner Meinung nach nur daran liegen, dass die Zusammenhänge nicht bekannt sind und die inhärenten Risiken unterschätzt werden.

Was meine ich damit? Die meisten der gehandelten ETFs haben nicht tatsächlich den Index als Bestandteil, sondern beliebige Wertpapiere und Derivate. Sie garantieren lediglich synthetisch die Rendite des Index. Das ist eine Riesenmogelpackung, weil hier mit derivativen Produkten etwas suggeriert wird, was tatsächlich nicht vorhanden ist.

Letztlich können Sie mit echten Aktien jeden noch so schweren Kollaps aussitzen, während Sie bei ETFs am Ende des Tages abhängig von der Bonität des garantiegebenden Emittenten sind, der wiederum abhängig ist von den Emittenten seiner im ETF ver­bauten Derivate und strukturierten Finanzprodukte. Lehman Brothers lässt grüßen.

Die Finanz- und Schuldenkrise ist keinesfalls überwunden. Insbesondere für Italiens Banken spitzt sich die Lage zu. Der dortige Bankensektor hat notleidende Kredite in einem Volumen von 360 Milliarden Euro in den Büchern. 18 Prozent des gesamten Kreditbestandes sind faul. Nach Jahren des Aus­nahmezustands seit der Finanz- und Schuldenkrise ist die Eigenkapitaldecke insbesondere europäischer Banken so gering, dass schon kleinere Ausfälle erhebliche Folgen haben können.

Da die Banken untereinander eng verflochten sind und da Bankenkrisen fast immer auch Staatsschuldenkrisen sind, droht der Funke aus Italien auch den Rest der Eurozone in Brand zu setzen. Insgesamt 550 Milliarden Euro Schulden hat Italien beim globalen Bankensystem, wobei vor allem französische Geldhäuser zittern müssen: Immerhin führen sie mit 250 Milliarden Euro die Liste der Gläubiger an. Deutsche Institute haben knapp 84 Milliarden Euro im Feuer.

Diese aktuellen Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) machen deutlich, wie leicht die Krise einer oder gar mehrerer größerer Banken in Italien auf andere Institute und Länder überspringen könnte.

Genau hier schließt sich der Kreis. Wer in solchen Zeiten in synthetische ETFs investiert, also eine Wette auf die Stabilität des Finanzsystems eingeht, fährt definitiv hohe Risiken. Hinzu kommt, dass die in ETFs enthaltenen Wertpapiere vom Emittenten auch beliehen werden dürfen, was die Sicherheit weiter beeinträchtigt.

Wenn ich schon dabei bin, liefere ich Ihnen auch noch die anderen Gründe, warum ich ETFs nicht besonders mag: Die meisten ETFs bilden die großen Indizes ab – und genau damit habe ich als Value-Investor ein Problem. Indizes setzen nämlich nicht auf Qualität oder Unterbewertung, sondern nur auf Größe, was häufig sogar das Gegenteil bedeutet. Wenn die Technologie- und Telekomtitel also besonders teuer sind (wie um das Jahr 2000 herum), kauft man im Index folglich einen besonders hohen Anteil davon.

Nach dem Jahr 2000 fielen diese Titel, wie zum Beispiel Deutsche Telekom oder Intel, teilweise um 90 Prozent und mehr. Im März 2000 erreichte das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) der Titel aus der Technologie- und Telekommunikationsbranche sagenhafte 116. Zum Vergleich: Das langjährige Durchschnitts-KGV deutscher Aktien liegt bei rund 20. Im Jahr 2000 hatten nur Anleger, die den gesunden Menschenverstand völlig ausgeschaltet hatten, noch Technologieaktien – und eben Indexinvestoren.

Brandbeschleuniger im Falle
stark fallender Indizes


Die häufig anzutreffende rechnerische Überperformance von Indizes hat indirekt auch mit dem ETF-Boom zu tun: Eine breite Masse von Anlegern hat in den vergangenen zehn Jahren über ETFs mit zunehmender Tendenz in genau die Unternehmen investiert, die in den großen Indizes enthalten sind. Diese großvolumige passive Nachfrage hat deren Aktienkurse und damit auch die großen Indizes stärker als den breiten Markt nach oben gezogen.

Nicht ohne Grund sind gerade Indizes wie der S & P 500, die besonders oft über ETFs nachgebildet werden, aktuell besonders stark überbewertet. Damit ergeben sich im Umkehrschluss aber auch massiv erhöhte Risiken für den Fall einer Marktkorrektur. Dann wirken ETFs nämlich wie ein Brandbeschleuniger, da die ängstlichen Anleger – und meist investieren gerade solche passiv – dann über den Verkauf der ETFs auch gerade die Kurse der Indexunternehmen besonders stark nach unten ziehen. Unsere Antwort auf diese Risiken ist das „Reinheitsgebot der Kapitalanlage“. Wer Indexprodukte meidet, wird im drohenden ETF-Sog nicht mit dabei sein.

Kurzvita

Rainer Laborenz ist Geschäftsführer der Azemos Vermögensmanagement
und verfügt über 25 Jahre Berufs­erfahrung im Private
Banking. Nach dem BWL-Studium war er über zehn Jahre bei ­einer deutschen Großbank für die Betreuung vermögender Privatkunden zuständig. 2003 baute er die heutige Azemos Vermögensmanagement GmbH auf.

Azemos betreut heute banken- und produkt­unabhängig Vermögensverwaltungsmandate mit einem
Volumen von rund 250 Millionen Euro.

Bildquellen: zvg, Azemos, zhaoliang70 / Shutterstock.com

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